Interview mit Marylou Selo zur Kampagne „Psyche krank? Kein Tabu!“

seloSehr geehrte Frau Marylou Selo
„Sie haben soeben die Kampagne „Psyche krank? Kein Tabu!“ lanciert, die sich dafür stark macht, offen über psychische Krankheiten zu reden, statt sich hinter einer Mauer der Scham zu verstecken. Sie wissen, wovon Sie reden: Selber leiden Sie an der bipolaren Störung – also an der manisch-depressiven Erkrankung. Daher möchte ich Ihnen gerne einige Fragen stellen

Inwiefern hat die Depression Ihr Leben geprägt?
Mein Leben wurde 1976 von meiner ersten Depression komplett auf den Kopf gestellt:  Meine Ehe ging kaputt, ich konnte nicht mehr in meinen Berufen (Dolmetscherin und Reiseleiterin) arbeiten. Ich konnte nicht mehr schlafen, hatte vor ALLEM Angst, sogar vor meinem eigenen Schatten und jedem Geräusch.

Kampagne_kinoWas war genau Ihre Angst?
Ich fürchtete, dass alle Menschen, die ich liebte, sterben oder verunglücken würden. Nach etwa vier schrecklichen, verlorenen Jahren war ich einer der Mitgründer einer Selbsthilfegruppe in New York. Dort lernte ich gute Psychiater kennen und bekam endlich das Medikament Lithium, seit 60 Jahren Goldstandard für die bipolare (manisch-depressive) Krankheit. Lithium hilft 70% aller Patienten. Ich bin ein Glückskind und gehöre zu diesen 70%. Dann wurde ich von einer anderen Organisation aufgefordert, in deren Vorstand zu kommen. Diese Organisation heisst heute „Brain and Behavior Research Foundation“ (früher NARSAD). Hier lernte ich die top Forscher des menschlichen Gehirns kennen, u.a. die Nobel -Preisträger Erich Kandell und John Nash (Film:  A Beautiful Mind). Diese Menschen hätte ich nie kennengelernt ohne die Krankheit!

Das heisst Sie sehen in der Krankheit auch Vorteile?
Das ist einer der Gründe, dass ich diese Krankheit auch nicht missen möchte. Der andere Grund ist, dass es wunderbar ist, Menschen, die auch an Depressionen leiden, zu helfen. Als Dolmetscherin arbeitet man natürlich ebenfalls für berühmte Persönlichkeiten, aber im Kreis der „Brain and Behavior Research Foundation“ lernt man diese Grössen persönlich kennen, sitzt mit ihnen am Tisch und erfährt, dass auch sie ihre Probleme und Schwächen haben.

Wo sehen Sie die grössten Probleme für Depressive?
Viele, vor allem sehr gut ausgebildete Ärzte sind grossartig und wissen wie sie therapieren müssen. Leider gibt es aber auch eine grosse Anzahl, die nicht wissen, dass sie nicht gescheit therapieren können. Traurigerweise sind Patienten ohne genügend Geldmittel oft auf die letztere Gruppe angewiesen.

Wo liegt das grösste Defizit in der Erkennung, Heilung oder Nachbehandlung?
Noch immer gehen zu wenige Menschen mit einer Depression zum Facharzt, der besser helfen könnte als ein Hausarzt. Psychische Krankheit trifft jeden Zweiten. Doch gemäss unserer jüngsten Umfrage sucht nur die Hälfte der Betroffenen Hilfe bei einer psychiatrisch geschulten Fachperson! (http://kein-tabu.ch/Umfrage)  Das verstehe ich nicht: Wenn der Hausarzt jemandem sagt: „Sie haben Krebs”, dann ist der logische nächste Schritt zum Onkologen. Wenn der Hausarzt eine Depression feststellt – sofern er dazu in der Lage ist – dann sollte der nächste Schritt mit der gleichen Logik der zum Psychiater sein. Und nicht Schlaftabletten oder selbstverordnete Therapieversuche aller Art.

Was ist wichtig bei der Behandlung?
Früherkennung ist von grösster Wichtigkeit. “Psychische Krankheiten” sind im Grunde genommen organische Krankheiten. Das Gehirn ist ein Organ. Dort spielt sich alles ab. Unser Gehirn “speichert” Depression, Angst, etc. Je öfter diese Gefühle im Gehirn gespeichert werden, je schneller kommt die nächste Manie oder die nächste Depression als eine “Aha-Reaktion” des Gehirns. Man nennt das “The kindling effect”. Früher hat man bei Kopfschmerzen gesagt: “Möglichst lange warten, bis man eine Tablette nimmt, vielleicht werden sie schon nach etwas frischer Luft oder Kaffee besser”. Heute weiss man, das man SOFORT bei den ersten Anzeichen eine Schmerztablette nehmen sollte, damit das Gehirn den Schmerz nicht “speichert” und der Schmerz nicht öfter zurückkommt. Bei psychischen Störungen ist das genauso: Je früher man sie behandelt, desto besser ist der Therapieerfolg.

Gibt es eine Heilung?
Eine Heilung im Sinne von „nie mehr vorkommen und ohne Medikamente auskommen“ gibt es bei vielen psychischen Krankheiten nur im Ausnahmefall. Wichtiger ist aber zu wissen: Es sind BEHANDELBARE Krankheiten, mit denen man einen guten Umgang lernen kann. In den meisten Fällen wird man über viele Jahre hinweg und manchmal sogar ein Leben lang Medikamente nehmen müssen, genauso wie Diabetiker oder Menschen mit Bluthochdruck. Für junge Menschen ist das verständlicherweise schwierig zu akzeptieren. Sie stoppen die Medikamente und dann geht die Achterbahn der Krankheit erst recht wieder los. Deswegen ist die Psychoedukation* (siehe Kasten) von grösster Bedeutung, wird aber leider zu oft vernachlässigt. Die Nachbehandlung sollte ernst genommen werden. Psychopharmaka wie z.B. Antidepressiva kann man nicht einfach absetzen, wenn es einem mal ein paar Tage lang gut geht.

Auch eine Gesprächstherapie darf man nicht plötzlich abbrechen, wenn man sich mal besser fühlt. Das ist etwas, was die Versicherungen und Sozialarbeiter wissen sollten, aber vor allem der Patient.

  • Psychoedukation
    Psychoedukation bedeutet, eine umfassende Aufklärung über alle Aspekte der Erkrankung zu vermitteln. Damit soll vor allem erreicht werden, trotz Krankheit ein lebenswertes Leben zu führen und künftige Episoden wenn nicht zu verhindern, so doch zumindest auf ein für alle Beteiligten erträgliches Ausmaß reduzieren zu können. Vor allem durch die Kenntnis der frühen Symptome einer sich anbahnenden neuen Krankheitsphase können Betroffene und Angehörige schon im Anfangsstadium gegensteuern und geeignete medikamentöse und/oder therapeutische Maßnahmen mit dem behandelnden Arzt absprechen, wodurch eine ausgeprägte Episode meistens verhindert und ein stationärer Klinikaufenthalt vermieden werden kann

Sie sprechen in Ihrer Kampagne vor allem auch Gesunde an, damit sie verantwortlich umgehen können mit psychischen Kranken. Gehen Gesunde schlechter um mit Kranken?
Leider meistens JA, noch immer… Auch unsere Umfrage (http://kein-tabu.ch Umfrage) zeigt, dass psychisch Kranke nach wie vor ausgegrenzt werden: Zwei Drittel der Befragten glauben, dass sie öffentlich diskriminiert werden und selbst im privaten Umfeld sieht noch fast jeder Dritte diese Gefahr. Dass dabei das eigene stigmatisierende Verhalten unterschätzt wird, zeigen konkrete Zahlen: Mehr als ein Drittel findet, dass psychisch Kranke eine Last für die Gesellschaft sind. Fast die Hälfte der Befragten würde keine psychisch kranke Person als Schwiegersohn oder Schwiegertochter haben wollen. Das Tabu geht so weit, dass nur ein Drittel sich trauen würde, einen erkrankten Freund oder ein Familienmitglied in der psychiatrischen Klinik zu besuchen.

Unsere Kampagne “Psyche krank? Kein Tabu!” (www.kein-tabu.ch) möchte das bessern. Darum ist der erste, wichtige Schritt das offene Gespräch. Wenn wir uns nicht verschliessen, sondern auf jemanden zugehen und Offenheit signalisieren, können Krankheiten früher entdeckt und gemeinsam Hilfe gefunden werden. Rechtzeitig – bevor es zum Suizid kommt. So könnten wir uns viel unermessliches Leid – und dem Staat viel Geld – ersparen. Allein die Kosten von Depression (Behandlung und Arbeitsausfälle zusammengerechnet) rechnen sich in der Schweiz auf ca. 10 Mia CHF (!!) pro Jahr. Siehe dazu die neusten Zahlen der Universitäten Zürich und Basel: http://www.mediadesk.uzh.ch/articles/2013/depressionen-kosten-ueber-zehn-milliarden.html

Ich Danke Ihnen für die Beantwortung der Fragen.

Armin Wolfarth

 

seloÜber Frau Marylou Selo – Stifterin der Wener Alfred Selo Stiftung

Die in Zug und New York City wohnhafte Stifterin und Diplomdolmetscherin Marylou Selo gründete die private Stiftung in Gedenken an ihren Vater, den Erz- und Metallhändler Werner Alfred Selo (1908 – 1993), der nach einem lebenslangen Leidensweg mit chronischer Migräne und Depression Suizid beging.

Um anderen Betroffenen zu helfen, beschloss Marylou Selo – die selber an manisch-depressiven Störungen leidet – sich in der Schweiz für die Forschungsförderung auf dem Gebiet der Depression einzusetzen.

Aus ihrem Anliegen, der Marginalisierung von psychisch Kranken entgegenzutreten und ihnen Gehör zu verschaffen, wurde ein Lebenswerk mit viel unentgeltlichem Engagement.Daraus erwuchs die Kampagne

 

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